Verhaltenstherapiewoche 2009, Lübeck

Essstörung – ist radikales Umdenken erforderlich?

Die Erstbeschreibung von Anorexia nervosa durch Gull und Lasegue erfolgte 1868, die Beschreibung der Bulimia nervosa durch Russell 1979, die Binge-Eating-Störung wurde durch Spitzer erst 1992 als Kategorie vorgeschlagen. In Zusammenhang damit sind die Behandlungskonzepte für Essstörungen relativ jung und stehen in enger Verbindung mit den historisch gewachsenen Diagnosekategorien.
Neue Daten zu Epidemiologie, Verlauf und Behandlung stellen jetzt die klassischen Einteilungen in Frage. Die Ähnlichkeiten in Symptomatik, Mustern von Komorbidität, Verlauf und Reaktion auf Behandlung sind weit größer als die Unterschiede. Die Mehrzahl der Patientinnen wechseln im Verlauf der Erkrankung zwischen den verschiedenen nosologischen Entitäten. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit eines transdiagnostischen Ansatzes in Diagnostik und Therapie. Die Arbeitsgruppe um Professor Fairburn hat auf der Grundlage dieser Überlegungen einen Therapieansatz entwickelt. Essstörungen treten als isolierte Störungen auf oder sind Bestandteil komplexer Muster von psychischer Komorbidität. Hieraus ergibt sich die Frage nach dem Umfang der Behandlung: Brauchen komplexe Probleme komplexe Therapien? Die dialektisch-behaviorale Therapie für Essstörungen (DBT-E) mit dem Schwerpunkt Emotionsregulation etabliert sich als eine neue Therapieoption für Patientinnen mit Essstörung und Komorbidität. Der Ansatzpunkt liegt in gemeinsamen Mechanismen zwischen Persönlichkeitsstörungen und Essstörung.
Weiterhin entwickelt sich eine neue Theorie zur Psychobiologie des Essverhaltens. Hierbei steht die Bedeutung der Versorgung des Gehirns mit metabolischer Energie im Mittelpunkt (Selfish-Brain-Theorie). Diese Theorie erklärt, wie Stressbelastung und Traumatisierung, aber auch Vermeidungsverhalten zu Veränderungen von Essverhalten und Gewicht führen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen ist es unvermeidlich, dass die Behandlung von Essstörungen zukünftig neu konzipiert werden wird.

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